Der Vorstand der Conterganstiftung sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Ärzteschaft und Selbsthilfe haben sich am 10. September 2026 im Multidisziplinären Medizinischen Kompetenzzentrum (MMK) in der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik Köln informiert. Im Zentrum des Treffens stand die spezialisierte psychotherapeutische Versorgung von Menschen mit Conterganschädigung. Das Kölner Zentrum verknüpft psychosomatische Expertise – die Behandlung von Wechselwirkungen zwischen seelischem Leiden und körperlichen Beschwerden – mit barrierefreien Behandlungsräumen und vernetzter Spitzenforschung.
Bereits im April 2017 gründete die Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie eine spezialisierte Sprechstunde für Betroffene. Seit 2022 wird die Einrichtung als eines von zehn bundesweiten Kompetenzzentren durch die Conterganstiftung gefördert. Das Versorgungsangebot ruht auf drei Bausteinen: einem niederschwelligen Beratungsangebot, der ambulanten Einzelpsychotherapie sowie einer stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Komplexbehandlung. Zudem arbeitet das psychosomatische Team eng mit der neuen Spezialsprechstunde in der Orthopädie der Uniklinik Köln unter Leitung von Prof. Dr. Klaus Peters zusammen.
Langjährige Untersuchungen der Kölner Forscher belegen, dass psychische Störungen wie Depressionen oder Angstzustände bei Betroffenen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung annähernd doppelt so häufig vorkommen. Dennoch nehmen psychisch belastete Patientinnen und Patienten nur halb so oft eine Fachpsychotherapie in Anspruch wie Menschen ohne Behinderung. „Das seelische Leid der Menschen wurde lange Zeit nicht wahrgenommen“, betont Priv.-Doz. Dr. Alexander Niecke, Leiter der Contergansprechstunde im MMK. Ursachen dafür seien historische Fokussierungen auf reine orthopädische Eingriffe im Kindesalter sowie zunehmende Einschränkungen und schwindende soziale Netzwerke im Alter. Um künftige Ärztinnen und Ärzte frühzeitig zu sensibilisieren, ist das Thema seit dem Wintersemester 2025/2026 fester Bestandteil der psychosomatischen Hauptvorlesung an der Universität zu Köln. Die Studierenden lernen dort die maßgebliche Bedeutung der Langzeitfolgen kennen.
Ein zentraler Baustein der Versorgung ist die behinderungssensible Psychotherapie – ein Versorgungsansatz, der sowohl lebenslange soziale Barrieren als auch spezifische Traumata berücksichtigt. „Behinderungssensible Psychotherapie heißt, Barrieren zu erkennen – die sichtbaren und die unsichtbaren – und sie Schritt für Schritt abzubauen. Es bedeutet, zuzuhören, ohne zu urteilen“, erklärt die ärztliche Psychotherapeutin des MMK, Celina von Tiele-Winckler.
Ergänzend untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Herz- und Gefäßfunktionen von 438 Betroffenen im Rahmen einer bundesweiten Gefäßstudie der Radiologie der Uniklinik Köln. Die Studie, für die noch Teilnehmende gesucht werden, läuft voraussichtlich noch bis Januar 2028.
Prof. Dr. Klaus Peters, Leiter der orthopädischen Spezialsprechstunde, unterstrich am Ende des Besuchs noch einmal die überregionale Bedeutung der Kompetenzzentren: „Was die Zentren für Menschen mit Conterganschädigung leisten, lässt sich auf die Versorgung von Menschen mit Behinderung insgesamt übertragen. So entsteht eine Blaupause, von der auch andere profitieren.“ Um diesen Wissenstransfer in die Fläche zu tragen, stehen die Kölner Experten auch niedergelassenen Hausärzten jederzeit beratend zur Seite.
